Zürcher Leu
Gymnasium Freudenberg
Kantonsschule Freudenberg Zürich
Gymnasium Freudenberg
 

Gutenbergstrasse 15
8002 Zürich
044 286 77 11
sekretariat@kfr.ch

Öffnungs- und Telefonzeiten Sekretariat:
Mo-Fr 07:30-12:30 Uhr
Mo+Di, Do+Fr 14:00-16:15 Uhr
Am Mittwochnachmittag bleibt das Sekretariat geschlossen.

 

 

 

 

 

Stabü vom 2.–6. Oktober 2023

Thema: Überwachungsgesellschaft – Geheimdienste – Organisierte Kriminalität

Organisation: Patrick Hersperger, zusammen mit David Brändli, Christine Marolf, Urs Maurer und Josef Seeberger

Wie jedes Jahr wählte der aktuelle Maturjahrgang in einem mehrstufigen Verfahren das Thema für die traditionelle, aber thematisch immer hochaktuelle Staatsbürgerliche Projektwoche (kurz: Stabü), die von der Fachschaft Geschichte organisiert wird. Dabei kristallisierten sich folgende spannende und medial breit dokumentierte Bereiche heraus: Überwachung (inkl. Datenschutz) / Geheim-
dienste und Organisierte Kriminalität
, die aufgrund der Grösse der vier
6. Klassen (97 Schüler:innen) und der inhaltlichen Schnittmenge alle in der diesjährigen Stabü Platz fanden.

Konzeptuell wurde entschieden, drei Thementage anzubieten, an denen Expertinnen und Experten relevante Aspekte vertiefen und mit den Schülerinnen und Schülern diskutieren sollten.

Datenschutz und Überwachung

Am Montagmorgen referierte nach einer Einführung in die Woche durch
die Stabü-Leitung die Juristin und langjährige Stellvertreterin des Datenschützers des Kantons Zürich, Veronica Blattmann, über Chancen
und Grenzen des Datenschutzes, der in der Schweiz aufgrund eines am
1. September 2023 revidierten Gesetzes gestärkt worden ist. Eindrücklich vermochte Frau Blattmann den Jugendlichen etwa aufzuzeigen, wer – je nach aufgerufener Website – im Netz beim Surfen «mitliest», und dass es aus verschiedenen Gründen wichtig ist, nicht alles uneingeschränkt zu teilen. Auch wurden Möglichkeiten (z. B. Add-ons im Firefox) vermittelt, mit denen das eigene Surfverhalten im Netz etwas «intransparenter» gestaltet werden kann, was wiederum dem Datenschutz förderlich ist.

Da Hernâni Marques vom Chaos Computer Club Schweiz, ein ausgewiesener Experte zu Überwachung, den unterschiedlichen Kategorien von Hacking, Cyberangriffen und entsprechenden Schutzmechanismen, leider kurzfristig wegen Krankheit ausfiel, wurde alternativ eine SRF-Dokumentation mit dem Titel «Verbrechen im Netz» gezeigt, welche insofern auf Anklang stiess, als sie aktuelle Formen von Internet-basierter, strukturierter Kriminalität wie Romance Scamming und «Angebote» von Pädokriminalität etc. im Dark Net thematisierte. Dabei wurde auch deutlich, wie schwierig es für die Polizei ist, in den Abgründen des Internets kriminellen Machenschaften und Netzwerken auf die Spur zu kommen. Zielführend ist diesbezüglich für die Schweizer Behörden häufig die internationale Kooperation, vor allem auch mit den USA.

Geheimdienste und Desinformation

Am Dienstag standen Einblicke in die Geschichte der Geheimdienste seit dem Zweiten Weltkrieg sowie das immer mehr an Bedeutung gewinnende Thema der Desinformation und «Schwarzen Propaganda» im Fokus. Als Referent hierfür konnte der ehemalige Freudenbergler Dr. Adrian Hänni gewonnen werden, ein Experte mit internationalem Renommee für Terrorismus, transnationale Gewalt und die Geschichte der Geheimdienste. Mit einer gelungenen Mischung von packenden (historischen und aktuellen) Beispielen (etwa zum Spionagetunnel der Westalliierten in Berlin oder zur heutigen russischen Spionage in der Schweiz) einerseits sowie grundsätzlichen Reflexionen und Einordnungen anderseits vermochte der Historiker das Publikum zu gewinnen, was sich in vielen spannenden Fragen und Anmerkungen widerspiegelte. Bezüglich Propaganda, die aufgrund der sich rasch entwickelnden Künstlichen Intelligenz rasch komplexere und schwieriger erkennbare Formen annimmt, bleibt letztlich
die Erkenntnis, dass bis dato allein permanentes Hinterfragen und vertiefte Quellenkritik helfen können, Fake News und Deep Fakes zu erkennen bzw.
zu durchschauen.

Organisierte Kriminalität

Der dritte Themenblock war ganz der Organisierten Kriminalität gewidmet.
Von der Fachstelle Frauenhandel und -migration (FIZ) zeigte Anna Schmid eindringlich die Relevanz der von ihr dargelegten Fakten und aufgeworfenen Fragen bzgl. Menschenhandel auf, wobei dieser von Menschenschmuggel zu unterscheiden ist und auch primär Frauen als Opfer betrifft. Diese werden häufig mit falschen Versprechungen in die Prostitution gelockt oder müssen als 24-Stunden-Nannies Care-Arbeit verrichten. Aktuelle Meldungen weisen jedoch darauf hin, dass auch immer mehr Männer Opfer von Menschenhandel werden (etwa auf dem Bau oder in der Gastronomie). Mit einem exemplarisch berührenden Zugang und mit statistisch eindrücklichen Zahlen überzeugte die Referentin auf der ganzen Linie und machte klar, dass polizeilich-juristisches Handeln gegen Menschenhandel verstärkt werden muss.

Am Mittwochnachmittag war dann mit Frau Nicoletta della Valle, der Direktorin der Bundespolizei (fedpol), eine absolute Top-Expertin für Organisierte Kriminalität zu Gast an der KFR. In differenzierter Form erläuterte sie auf der Basis einer auch visuell eindrücklichen Präsentation, welche Aufgaben dem fedpol zukommen, welche Grenzen die Bundespolizei dabei zu respektieren hat und – zentral – welche Formen von Organisierter Kriminalität in der Schweiz zu bekämpfen sind bzw. wären. Frau della Valle, deren überhaupt nicht selbst-
verständliche Anwesenheit von den Schülerinnen und Schülern überaus geschätzt wurde, stellte sich anschliessend den vielfältigen und interessanten Fragen des Publikums, womit der Besuch an unserer Schule auch für die fedpol-Chefin zu einem sehr erfreulichen Anlass wurde.

Last but not least diskutierte am Donnerstag der Leiter der Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt, Patrik Killer, mit den Maturandinnen und Maturanden darüber,
ob es in der Stadt Zürich Formen von strukturierter Jugendgewalt oder sogar eigentliche Jugendgangs gibt. Auch wenn 2022 im Kanton Zürich rund 54 %
der von Jugendlichen begangenen Straftaten in Gruppen durchgeführt wurden, konnte Herr Killer nicht bestätigen, dass in unserem Kanton – eventuell abgesehen von einzelnen Ultragruppierungen – Jugendgangs existieren, zu deren Merkmalen unter anderem die Kontrolle über ein bestimmtes Territorium, eine klare Hierarchie sowie Identifikationssymbole gehören. Anzuführen wäre hier, dass gerade auch in der Stadt Zürich verschiedene Fachstellen mit ihren Programmen versuchen, problematische Entwicklungen im Bereich Jugendkriminalität früh zu erkennen und anzugehen.

Arbeit der Kleingruppen – Plakate

Im Rahmen dieser Woche recherchierten die Schüler:innen in Kleingruppen zu verschiedenen Unterthemen. Daraus entstanden 30 Plakate sowie verschiedene Thesen, die am Freitagmorgen präsentiert bzw. engagiert diskutiert wurden. Auch wurden je das informativ sowie das visuell überzeugendste Plakat in einer Abstimmung durch den Jahrgang erkoren. Die «Pressegruppe» mit ihren Tagesberichten, Fotos und dem Stabü-Film sowie der «Filmclub» mit zwei spannenden Darbietungen (Filme: Truman Show, Minority Report) ergänzten dabei die zahlreichen konstruktiven Beiträge der Schüler:innen.

Politpodium

Nach einem grandiosen Mittagsbuffet, zu dem alle Schüler:innen etwas beitrugen und welches auf der Terrasse Süd bei schönem Wetter und fröhlicher Stimmung genossen wurde, rundete eine Debatte mit Politikerinnen und Politikern zum Thema «Wie viel Überwachung bzw. Datenschutz ‘braucht’ die Schweiz?»
die Stabü ab. Teilgenommen haben die Nationalrätinnen Min Li Marti (SP) und Judith Bellaiche (GLP) sowie der Nationalrat Benjamin Fischer (SVP). Dazu gesellte sich der Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz (JFS) und FDP-Nationalratskandidat Matthias Müller. Im Rahmen des von drei Jugendlichen souverän moderierten Podiums wurden aktuelle Themen wie die von der Europäischen Union angedachte vollständige Chatkontrolle, Möglichkeiten und Grenzen von Gesichtserkennung oder Chancen und Risiken von eVoting diskutiert. Trotz der hohen Zimmertemperatur im ansonsten überaus geeigneten BG-Zimmer verlief die Debatte nicht allzu hitzig, auch wenn es durchaus kontroverse Standpunkte gab (z. B. zur elektronischen Stimmabgabe), was im Hinblick auf eine eigenständige Meinungsbildung für die interessierten Jugendlichen sehr wertvoll war.

Abschliessend sei allen Gästen herzlich gedankt, denen mit ihren Inputs und ihrer Diskussionsbereitschaft ein zentraler Anteil am Gelingen der Stabü ’23 zukam. Selbstverständlich ist aber auch den Maturandinnen und Maturanden zu danken, die – je länger die Woche dauerte – mit ihrem Interesse, ihrem Engagement und ihrer Freude am Debattieren untermauerten, dass das Stabü-Format nach wie vor ein Erfolgsmodell ist.

Für das Stabü-Team: Patrick Hersperger

 

Fotos: Leandra Neff (6a) und Luna Gioia (6a)