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Alice Gabathuler las im Liceo-Saal

 

„Es ist dein Buch und du schreibst es“

Alice Gabathuler war bei uns an der Schule zu Besuch, für eine Lesung aus ihren Büchern. Sie hat auch viel Interessantes von sich erzählt. Abriss eines Lebens für die Literatur.

Von Viola Schafroth, 3d

Alice Gabathuler ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Sie kommt aus armen Verhältnissen, doch sie sagt, dass Geld für sie keine Rolle spiele. Ihre Familie konnte es sich nie leisten in die Ferien zu gehen, doch Gabathuler hat sich geschworen, dass sie nicht stirbt, bevor sie nicht das Meer gesehen hat. Und so kam es, dass sie mit 17 Jahren zum ersten Mal am Meer war. Noch nie war sie faszinierter gewesen – sagt sie –,  noch nie glücklicher.

„Mein Traum war es schon immer gewesen, Lehrerin zu werden“, sagt sie, „und als dieser in Erfüllung ging, hatte ich auf einmal Geld – sehr viel Geld.“

Also reiste sie, bis es verbraucht war, verdiente neues Geld, reiste, bis es wieder alle war und so weiter.

Irgendwann entdeckte sie, dass eine Stelle beim Radio ausgeschrieben war und bewarb sich.

„Ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Ich wollte einfach mal was Neues ausprobieren.“

Und so kam es, dass sie schliesslich als Radiomoderatorin arbeitete.

Danach hatte sie viele Gelegenheitsjobs – „Ich habe alles einmal gemacht, es gibt nichts, was ich nicht war“ –, denn ihr Motto lautet: Was du nicht versucht hast, kennst du nicht. Du weisst nicht, ob’s geklappt hätte.

Schliesslich kehrte sie jedoch zurück zu ihrem Beruf als Englischlehrerin, weil es das war, was sie tun wollte. Sie wurde Direktorin und Mitbesitzerin einer Schule, gemeinsam mit einer Arbeitskollegin.

Mit 39 Jahren schrieb Alice Gabathuler ihren ersten Roman. Sie hatte das – abgesehen von ihren Kindern und ihrem Mann – niemandem erzählt, nicht einmal ihren Eltern, zu denen sie so ein enges Verhältnis hatte. Als das Buch fertig war, machte sie sich auf die Suche nach einem Verlag, was eine grosse Herausforderung war. Sie erhielt viele Absagen, viel harte Kritik.

Sie sagte zu ihrer Tochter: „Ich werde es weiter versuchen und wenn’s nicht klappt, dann klappt’s halt nicht.“

Und schliesslich, nach langer Zeit, hatte sie endlich eine Zusage. Ein Verlag, der in ihrem Buch – und in ihr – Potential sah. Und so war es auch. Nachdem das erste Buch veröffentlicht worden war, wollte der Verlag, dass sie ein weiteres schrieb. Und das tat sie. Buch um Buch erschien, sie hatte Lesungen überall. Immer öfter musste sie Schulstunden streichen, weil sie weg war. Es wurden immer mehr und schliesslich gab sie das Unterrichten auf. 2009 verkaufte sie ihre Anteile an der Schule an ihre Arbeitskollegin.

„Als ich dem Verlag mein nächstes Thema für ein Buch vorschlug, sagten sie, dass sie es nicht publizieren würden. Es sollte von zwei Aussenseitern handeln. Der Verlag meinte, dass es sich nicht verkaufen würde, weil niemand ein Buch über zwei Aussenseiter wolle.

Ich war ein wenig enttäuscht, aber ich dachte mir, egal, dir fällt schon was Besseres ein. Doch irgendwie konnte ich nicht loslassen. Ich wollte dieses Buch schreiben. Mehr als alles andere. Und ich dachte mir, egal, es ist dein Buch und du schreibst es. Also tat ich es. Ich schrieb das Buch und steckte meine ganze Seele hinein. Noch nie hatte ich ein Buch mit so viel Leidenschaft geschrieben. Und als es fertig war, sagte ich zu meinem Verlag: Entweder ihr nehmt es oder ich suche jemanden, der es verlegt.

Also nahmen sie es. Sie druckten das Buch. Doch als es veröffentlicht wurde, haben sie weder Werbung dafür gemacht, noch sonst irgendwas. Niemand wusste, dass es das Buch gab. Und es hat mir das Herz gebrochen. Es ging mir wirklich schlecht. Ich meine, ich hatte schon viele Bücher geschrieben, aus denen nichts geworden war. Die der Verlag schlecht fand. Klar ist es jedes Mal eine Enttäuschung, weil man jedes seiner Bücher mag. Aber bei diesem war es anders. Das war mein Buch. Da steckte meine ganze Herzensseele drin.“

Alice Gabathuler beschloss, nie mehr ein Buch so zu schreiben wie dieses. Nie mehr würde sie ein Buch mit so viel Liebe schreiben. Weil sie den Schmerz nicht ertrug. Also schrieb sie erst einmal eine Weile gar nichts. Bis sie eines Tages eine Mail erhielt. Eine Mail, in der stand, dass sie nominiert war für einen Jugendliteraturpreis in Deutschland. Mit diesem Buch. Mit ihrem Herzensbuch. No way out, ist der Titel.

„Ich habe es zuerst gar nicht geglaubt, ich dachte es sei ein Witz. Schliesslich wurde ich nach Deutschland eingeladen, wo ich den ersten Preis gewann. Es war ein unglaublich gutes Gefühl, zu wissen, dass diese Leute mein Buch gut fanden. Es gab mir einen Kick. Also schrieb ich ein zweites Buch. Ich gab alles. Ich steckte alles in dieses Buch, ich riskierte alles. Es fühlte sich so gut an.

Doch als das Buch erschien, war es nicht anders als beim letzten Mal. Der Verlag fand es nicht gut und liess es absaufen. Und es brach mir erneut das Herz. Ich musste mir die Frage stellen: Für wen schreibe ich? Schreibe ich für den Verlag, dem meine Bücher egal sind? Oder schreibe ich für mich?

Also gründete ich meinen eigenen Verlag. Und ich machte mit meinem alten Verlag einen Deal, dass ich noch genau ein Buch für sie schreibe. Und dann bin ich frei.“

Bilder Sibille Ruetz

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